Das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern widmen ihre aktuelle Ausstellung den sieben Todsünden.
Was erstaunliche Diskussionen auslöst, die nichts mit Kunst zu tun haben.
Im Wallis streiten Schulen und Eltern um die Entfernung oder das Hängenlassen von Kruzifixen in den Schulzimmern. Als eigenartiger Kompromiss wurden die Darstellungen der grausamen Folterszene durch „harmlosere“ Holzkreuze ersetzt. Dies obwohl ein Bundesgerichtsurteil festhält, dass religiöse Symbole in den Schulen gegen die religiöse Neutralität verstossen.
In Luzern verteilt ein katholischer Pfarrer medienwirksam Kondome, um seiner auf Patriarchat, Gehorsamkeit und Unterwürfigkeit aufgebauten Organisation einen zeitgenössischen Anstrich zu verpassen.
Alle diese kleinen Ereignisse werden plötzlich überraschend emotional diskutiert und kommentiert in den Foren der Online-Medien und in Leserbriefen.
Kleriker aller Art werden um althergebrachte Stellungnahmen gebeten.
In der gesamten westlichen Welt wühlen sich Kreationisten an die Öffentlichkeit und verlangen, dass an den Schulen anstelle der teuflischen Evolutionstheorie wieder biblische Schöpfungsgeschichte unterrichtet werde!
Wir glauben uns in eine vergangene Zeit zurück versetzt.
Der Kopftuchstreit verpolitisierte irrational ein Stück Stoff auf dem Buckel von Schulmädchen, die hin- und hergerissen wurden von den Erwartungshaltungen verschiedener Erwachsener, denen sie unmöglich allen gerecht werden konnten.
Der mediale Aufschrei über sieben Schulkinder in Basel, die von konservativ-islamischen Eltern vom Schwimmunterricht ferngehalten wurden, war enorm.
Leider schloss die Empörung nicht die mehrfache Zahl an Kindern ein, die von freikirchlichen und anderen sektiererischen Eltern unter wechselnden Vorwänden vom Biologieunterricht ferngehalten werden!
Offensichtlich wird bei nichtlegalen Schuldispensen nicht mit einer Elle gemessen.
Ebenso erstaunlich, dass die Beschneidung von Buben aus verschiedenfarbigen religiös-irrationalen Gründen genauso wenig angeprangert wird wie das psychologisch fragwürdige, übergriffige Beichteabnehmen bei Kindern aus traditionell-katholischem Elternhaus.
Religionsfreiheit hat als Grundrecht einen hohen Stellenwert. Aus historischer Erfahrung wohl zu recht.
Leider wird sie aus Gründen der politischen Hilflosigkeit versehentlich über andere elementare Menschenrechte gestellt.
In einem laizistischen Staat gehört die Religion ins Private.
Leider leben wir nicht in einem laizistischen Staat.
Solange kantonale Steuerverwaltungen die Kirchensteuer der „Landeskirchen“ eintreiben müssen, ist die Trennung von Kirche und Staat nicht vollzogen!
Das Verpassen der Klärung dieser Verhältnisse scheint sich nun zu rächen!
Die aktuell aggressiv verlaufende globale neoliberale Revolution, die die Staaten schwächt, demokratisch legitimierte Politik zur Farce werden lässt, sozialen Werken die Mittel entzieht, dem „Kapital“ den Weg zur Weltmacht ebnet und globalen Grosskonzernen die Rolle von Versorgern, Entscheidern und Weltpolitikgestaltern zugesteht, scheint uns in die Verhältnisse der feudalistischen Zeiten der 18. Jh. zurückbringen. Die soziale Verunsicherung nimmt zu.
Gepredigt wird der Glaube an unendliches und notwendiges wirtschaftliches Wachstum mit einem Eifer, der uns von anderen religiösen Bewegungen vertraut ist.
Diese Wirtschaftideologie ist wissenschaftlich ebenso wenig haltbar wie der der Glaube an Engel, Dämonen und den Satan.
Viele Menschen suchen als Folge der Abwertung humanistischer Errungenschaften Ersatz und metaphysische Sicherheit.
Vor 1789 besassen wenige „Adlige“ alles – inklusive der anderen Menschen. Die Gesellschaftshierarchie wurde göttlich legitimiert durch die Kirche.
Heute besitzen bereits wieder 3 % der Menschen in der Schweiz rund 97 % des Kapitals.
Von ArbeitnehmerInnen wird zunehmend als „Loyalität“ deklarierte Kritiklosigkeit, Glauben an Konzernkommunikationen und Gehorsam erwartet.
Das ähnelt zunehmend den Verhältnissen in Europa vor der französischen Revolution.
Damals existierten keine Sozialversicherungen. Die einzige „Versicherung“ der Menschen war die Flucht in die Arme der Mutter Kirche (die sich ebenfalls am Pöbel bereicherte) und der Glaube an Gottes Gerechtigkeit, die das erfolgreiche Unternehmen Kirche verkaufte.
Das Wiedererstarken religiöser Glaubensunternehmen und machtbewusster frommer Eiferer – ein Zufall?
Das Vordringen religiöser Diskussionen über Themen, die seit der Aufklärung keine Öffentlichkeit mehr hatten… Zufall??
Religiosität und Spiritualität sind die ganz private, persönliche Angelegenheiten eines jeden Menschen. Führt es den Menschen zu sozialem, ethischem Bewusstsein und Handeln, ist das Nachdenken über höhere Werte ein Gewinn für unsere Gesellschaft.
Dieser selbstbewusste Mensch glaubt weder der Kommunikationskunst wirtschaftlicher, noch religiöser Führer und Unternehmungen, noch deren politischen Handlangern! Er braucht auch keine vorgegebenen Feindgruppen, um sich „besser“ zu fühlen und sich von den wahren Fehlentwicklungen abzulenken zu können!
Das ist wahre Religions- und Gedankenfreiheit!
Gesellschaftliche Entwicklung basiert auf individuellem Denken und solidarischem Handeln, nicht auf gläubigen Gehorsam – welcher Art auch immer!