Die Idee der bürgerlichen Gesellschaft wurde in Europa während der Epoche der Aufklärung erfunden.
Im 18. Jahrhundert.
Eine erste Definition zum Bürgerstand stammt vermutlich aus dem Jahre 1794 und findet sich im Landrecht für die Preußischen Staaten: „Der Bürgerstand begreift alle Einwohner des Staates unter sich, welche ihrer Geburt nach weder zum Adel noch zum Bauernstande gerechnet werden können und auch keinem dieser Stände einverleibt sind.“.
Das Bürgertum bezeichnete herkömmlich die gesellschaftlich staats- und verantwortungstragende Mittelschicht, die sich gegen Monarchien und Feudalismus und für Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat und Liberalismus einsetzten.
Seither sind 200 Jahre vergangen und die meisten Parteien bezeichnen sich immer noch gerne als bürgerlich und geben an, die „Mittelschicht“ zu vertreten – was „Mittelschicht“ auch immer bedeuten mag…
Die Definition dieses Begriffes ist äusserst breit und vielfältig…
Zwischen „Entschädigt in Aktienpaketen“ und „In-die-Sozialhilfe-abgedrängt“ ist alles möglich.
Für Verwirrung sorgt, dass sich die meisten Parteien als „bürgerlich“ definieren und immer wieder bereit sind, zusammen als „bürgerliche“ Phalanx aufzutreten:
CVP: christliche Grundwerte, pragmatischer Marktglaube und auch ein bisschen käuflich, um die Mitgliederbeiträge sozialverträglich tief halten zu können.
FDP: Partei des Unternehmertums – insbesondere der global tätigen Finanz-, Pharma-, Gesundheits- und Versicherungsindustrie.
Mitgliederbeitrag de facto: geschenkt!
Ehemals staatstragende Partei, die für eine starke staatliche Infrastruktur einstand.
Heute dem Credo „Nur ein schlanker Staat ist ein guter Staat“ verpflichtet – entgegen der eigenen Historie und um die Geldgeber, Lobbyisten und Partikularinteressenvertreter in den eigenen Reihen nicht zu vergraulen.
Trotz des „F“ in ihrem Namen sind sie übrigens auch gegen die Kinderadoption von gleichgeschlechtlichen Paaren – was den Geldgebern ziemlich egal sein dürfte!
Die Mitgliedschaft bei der Wirtschaftspartei ist ohnehin nahezu gratis.
Die Parteiarbeit bezahlen die direkten Profiteure.
LDP: gesellschafts- und vor allem wirtschaftsliberal. Grenzenlos. Über Geld spricht man nicht. Standesbewusst und leicht geheinisumwittert.
BDP: domestizierte SVPler – kaum zu unterscheiden von der FDP.
GLP: Arbeitnehmerfeindliche Wirtschaftsliberale mit grünem Touch. Scheinen sich mehr oder weniger noch selber zu fianzieren. Vielleicht. Noch. Oder auch nicht.
SVP: nationalistische pseudopatriotische Neofeudalisten, die die kulturellen Errungenschaften unserer Gesellschaft,wie die von unseren Vorgenerationen hart erkämpften Sozialwerke verachten, die sie laufend zu retten vorgeben.
Gemeinsam mit der FDP und anderen „Bürgerlichen“.
Wem es gut geht, hat es verdient und wem es nicht gut geht ist selber schuld.
Schuld an ALLEM tragen gemäss SVP, ihres Heils- und Liquiditätsbringers Blocher und einiger weiteren geldsprudelnden Schattenfiguren sowieso die „Ausländer“.
SVP-Mitgliederbeiträge entsprechen etwa fünf Cafés crème in der Beiz – pro Jahr!
Alle diese Parteien bezeichnen sich als „bürgerlich“ und suchen situationbedingt immer wieder den bürgerlichen Schulterschluss.
Wo ist denn eigentlich deren Konsens???
Nur der grössten Bevölkerungsgruppe, den Arbeitnehmenden – den Millionen EinwohnerInnen dieses Landes, deren Existenz von einer fairen Anstellung abhängig ist, scheint sich keine dieser Parteien ernsthaft verpflichtet zu fühlen…
Was bedeutet denn nun also „bürgerlich“ im 21. Jahrhundert???
Der gesellschaftliche Liberalismus scheint ebenfalls zunehmend weniger Platz im Bürger-Block zu finden.
Was bin ich froh, Sozialdemokratin zu sein…
Das ist zwar schweineteuer – weil die Gelder von Atom- und Finanzindustrie eben nicht in diese Parteikasse fliessen und die SP ausschliesslich von ihren Mitgliedern lebt.
Das ist ehrlich!
In meinem Fall bedeutet das, dass ich etwa eine bis zwei Wochen pro Jahr für meine Partei arbeiten gehe – was ich gern tue!
Die Sozialdemokratie ist seit über 100 Jahren staatstragend – ohne sich bürgerlich zu nennen
– aber von und für die BürgerInnen politisierend!